Abstracts

Braun, Brusius, Bychkova, Custodis, Domann, Hemming, Hohl, Hope, Krahn, Loenhoff, Richts, Seefeldt, Treydte, Van Dyck-Hemming

Panel I: Generationen und Netzwerke

Henry Hope (Oxford), Friedrich Gennrich und die „Frankfurter Schule“

In seinem 48-seitigen Heft Die Strassburger Schule für Musikwissenschaft: ein Experiment oder ein Wegweiser? Anregungen zur Klärung grundsätzlicher Fragen (1940) stellt sich Friedrich Gennrich bewusst in die Tradition seiner musikwissenschaftlichen Ahnen Friedrich Ludwig und Gustav Jacobsthal. Peter Sühring (2001) hat Gennrichs Rekurs auf seine wissenschaftliche Abstammung verstanden als seinen Versuch sich innerhalb der deutschen Musikwissenschaft zu etablieren, und hat dabei insbesondere auf Gennrichs ambivalentes Verhältnis zur nationalsozialistischen Ideologie hingewiesen.
Kaum Beachtung findet bei Sühring Gennrichs Idee der „Strassburger Schule“ als „Wegweiser“: so war Gennrich zu diesem Zeitpunkt bereits als außerplanmäßiger Professor in Frankfurt am Main tätig, und war dabei seine eigenen akademischen Paradigmen an die nachwachsende Forschergeneration zu vermitteln. Auf die Bedeutung Gennrichs als Lehrer verweisen eindringlich insbesondere zwei hagiographische Nachrufe seiner Schüler Werner Bittinger und Johann Schubert (1968).
Durch den Vergleich von Forschungsgegenstand, Methode, und Sprachgebrauch in Publikationen Gennrichs und seiner Doktorandin Ursula Aarburg untersucht mein Vortrag inwieweit sich Gennrichs eigener Forschungsstil im Denkstil seiner Schüler spiegelt. Im Kontext von Gennrichs eigenem Aufriss einer „Strassburger Schule“ fragt der Vortrag darüber hinaus nach Kontinuitäten dieser und seiner eigenen „Frankfurter Schule“; im Anschluss an Sühring sollen dabei auch kritische Überlegungen angestellt werden zur Funktion solcher Netzwerke und zum Nutzen der Erforschung ihrer Paradigmen.

Lisa-Maria Brusius (Oxford), Christian Kadens „Wanderung zwischen den Welten“ – Oral History und die Fachgeschichte der Musiksoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin

Die Berliner Mauer teilte nicht nur eine Stadt, sondern auch musikwissenschaftliche Denktraditionen und Netzwerke (Shreffler 2003). Wie zahlreiche andere Institute in der ehemaligen DDR, fand sich das musikwissenschaftliche Institut der Humboldt-Universität nach der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 in neuen personellen, fachlichen und nicht zuletzt ideologischen Realitäten wieder. Anhand eines an die Methode der Oral History angelehnten Fallbeispiels – einem Interview mit Christian Kaden, der maßgeblich zur institutionellen Verankerung des Faches Musiksoziologie am Berliner Institut beigetragen hat – möchte ich seine Person als institutionellen und individuellen Akteur besonders in den Mittelpunkt rücken. Der Fokus auf den Zeitzeugen als einen „Wanderer zwischen den Welten“ (Sabrow 2008) dient nicht nur dessen Verortung in einer bestimmten Wissenschaftstradition, sondern lässt darüber hinaus biographische und persönliche Dynamiken in den Vordergrund treten. Diese Betrachtung setzt sich neben der historischen Erschließung der musiksoziologischen Fachgeschichte zum Ziel, Möglichkeiten und Grenzen der historischen Methode und Teildisziplin der Oral History als einen Analysemodus der musikwissenschaftlichen Fachgeschichte zu erkunden.

Annette van Dyck-Hemming (Frankfurt am Main), Von der Generation zum Netzwerk zur Denkfigur? Auf der Suche nach einer zuverlässigen Datenbasis

Auch wenn in den letzten zwanzig Jahren viele Initiativen engagierter Musikwissenschaftler und Musikwissenschaftlerinnen dazu führten, dass die Fachgeschichte der Musikwissenschaft stärker und genauer fokussiert werden kann, bleibt viel zu tun. Umfangreichere Bestandsaufnahmen, systematische Datensammlungen zur Erweiterung der Quellenbasis und die zusammenhängende Darstellung könnten nützlich sein, erfordern aber permanente Strukturen, die Möglichkeit langfristiger Planung und ein zu pflegendes Forschungsnetzwerk.
Diesen Desideraten will sich das am Max‐Planck‐Institut für empirische Ästhetik angesiedelte Projekt ‚Fachgeschichte der deutschsprachigen Musikwissenschaft‘ widmen. Als zentrales Arbeitsinstrument soll eine Datenbank dienen, in der grundlegende Fakten zu Personen, Orten, Institutionen, Themen, Methoden und Medien versammelt werden. Die Möglichkeit, Einzeldaten in Bezug auf netzwerkähnliche Aspekte wie Generationen, Schulen oder Denkstrukturen hin zusammenzustellen, ist hier von Anfang an ebenso angelegt wie die grundsätzliche Offenheit zur interessegeleiteten Abfrage durch Kolleg/innen.
Wir schlagen daher vor, im Rahmen der Tagung unser Projekt gerade im Blick auf die anzulegende Datenbasis zu präsentieren und unsere Kriterien bei der Identifikation von Generationen und Schulen sowie inhaltlichen Gemeinsamkeiten nach dem Muster von Denkstrukturen zur Diskussion zu stellen. Was „wissen“ wir bislang eigentlich wirklich? Welche Daten und Datenverknüpfungen müssen vorliegen, um zuverlässig von Schulen sprechen zu können? Wie schließt man von strukturellen Vernetzungen auf das Vorliegen von geteilten Denkstrukturen? Wo gibt es Forschungslücken und Desiderate? In einem Abschnitt zur methodischen Reflexion werden Ansätze der soziologischen Netzwerkforschung ebenso berücksichtigt wie andere anknüpfungsfähige Modelle.

Michael Custodis (Münster), Kleine Fische im großen Teich? Musikwissenschaft und institutionelle Forschungsförderung

Nähert man sich der Geschichte eines akademischen Faches, um dessen Konstanz und Wandlungsfähigkeit zu charakterisieren sowie wesentliche Entwicklungslinien nachzuzeichnen, ist für die Musikwissenschaft als eines ihrer Kerngebiete die aus einer philologischen Methodenpräferenz entstandene Editionspraxis zu nennen. Als Rechercheansatz lassen sich hierfür sowohl Personengeschichten als auch Engführungen von Themen und Methoden rekonstruieren. In Forschungsergebnisse übersetzen kann man solche Interessen allerdings erst, wenn entsprechende finanzielle Ressourcen erschlossen werden, was im Fall des kleinen Faches der Musikwissenschaft primär eine Förderung durch die öffentliche Hand bedeutet. Da nach dem Zusammenbruch der NS-Diktatur die Kontinuitäten von Editionsprojekten im Fach mit Priorität vorangetrieben werden sollten, wesentliche Instanzen wie das Staatliche Institut für deutsche Musikforschung nicht mehr existierten und zugleich die allermeisten Protagonisten ohne Einschränkungen sich dem Ausbau ihrer Karrieren wie ihres Faches widmen konnten, musste sich das Zusammenwirken von Personen, Themen und Methoden neu institutionalisieren, um Forschungsleistungen produzieren zu können. Im Rahmen des Vortrags soll ein solcher Vorgang exemplarisch an der Gründung der musikgeschichtlichen Kommission im Jahr 1953 veranschaulicht werden.

Panel II: Sprachen und Kulturen

Michael Braun (Regensburg), Dürrenmatt und die Bartók-Forschung: Zum Einfluss einer Sprachhürde auf Forschungsrezeption und -entwicklung

Vielseitige Sprachkenntnisse sind gerade in der Musikwissenschaft eine selbstverständliche Anforderung an den Forscher. Die polyglotte Versiertheit kann aber vom Hintergrundstandard schnell zum Einflussfaktor für die Forschung werden, sobald der gängige Kanon verbreiteter Sprachen verlassen wird. Anhand der Bartók-Forschung lässt sich dies aufzeigen: Sie ist als Ganzes von Anfang an in internationalen Händen und damit vielsprachig gewesen. Dass eine der maßgeblichen Forschungssprachen Ungarisch ist, hat jedoch besondere Auswirkungen. Die geringe Verbreitung dieser Sprache (deren Ruf, extrem schwierig zu sein, einst pointiert von Friedrich Dürrenmatt formuliert wurde) hat dazu geführt, dass im Blickfeld der internationalen Forschung „blinde Flecken“ entstehen: ungarischsprachige Forschungsliteratur, die nicht oder allenfalls fragmentarisch Teil des internationalen Diskurses geworden ist. So gilt die Cantata profana (1930) zwar allgemein als zentrales philosophisches Bekenntnis Bartóks, was aber in der ungarischen Literatur von einem ungemein breiter angelegten Interpretationshorizont untermauert wird als in der nicht-ungarischen. Dort wird das Diktum vom „Bekenntniswerk“ weitertransportiert und sporadisch diskutiert, ohne aber tatsächlich von dem Gedankenfundus zu profitieren, der jenseits der Sprachbarriere vorhanden wäre. Die fällige umfassende Würdigung des Werks mit Rücksicht auf die gesamte Forschung bleibt somit aus. Der Vortrag soll aufzeigen, wie Unterschiede in Perspektive, Denkweise und Interpretation ihre Ursache in einer Sprachhürde haben können.

Maria Bychkova (Hannover), Russische Emigration der „ersten Welle“ in der Betrachtung von deutschen und russischen Musikwissenschaftlern. Versuch eines methodischen Vergleichs

Erst mit dem Fall des Eisernen Vorhangs wurden die zahlreichen Archivquellen zur russischen Emigration der 1920er Jahre zugänglich gemacht, und somit eröffnete sich für Wissenschaftler aus der ganzen Welt ein weitgehend unerforschtes Thema. Die Entwicklung eines spezifisch russischen Musiklebens in verschiedenen Ländern sowie Interaktionen mit den jeweiligen einheimischen Kulturen rückten ins Zentrum des Forschungsinteresses von Musik- und Kulturwissenschaftlern. Trotz unterschiedlicher Ausgangspunkte und Fragestellungen zeigt sich in den letzten Jahren eine Tendenz zur Kooperation zwischen west- und osteuropäischen Musikforschern, was durch Konferenzen und gemeinsame Projekte bestätigt wird. Doch wie verändert sich der methodische Ansatz je nach Betrachtungsblickwinkel und Rollenverteilung von ‚Eigenem’ und ‚Fremdem’? Welche Erkenntnisse bringen kulturwissenschaftliche, historisch-anthropologische und komparative Ansätze, Konzepte von Kulturtransfer oder Genderforschung für die musikwissenschaftliche Exilforschung aus der Perspektive von deutschen und russischen Betrachtern?
Im Vortrag sollen Unterschiede und Gemeinsamkeiten sowie die Entwicklung der musikwissenschaftlichen Exilforschung am Beispiel der russischen musikalischen Emigration im Berlin der 1920er Jahre untersucht werden.

Carolin Krahn (Wien), Dimensionen und Implikationen einer kosmopolitischen Musikwissenschaft im deutschsprachigen Raum

Der Vortrag konfrontiert die Entwicklung des Faches Musikwissenschaft als universitär verankerte Disziplin im deutschsprachigen Raum mit dem philosophisch-soziologischen Konzept des Kosmopolitismus unter Berücksichtigung jüngerer Studien zur Thematik (etwa Beck 2004, Appiah 2006, Antweiler 2011, Petzold 2013). In diesem Rahmen soll über die praktischen Bedingungen für musikwissenschaftliche Forschung sowie für die Ausbildung von Fachidentitäten und Methodik im 21. Jahrhundert nachgedacht werden.
Am Beginn steht die Frage, was es für eine wissenschaftliche Disziplin bedeuten kann, kosmopolitisch orientiert zu sein, und wie sich dies manifestiert. Zweitens werden Geschichte und gegenwärtige Strukturen der deutschsprachigen Musikwissenschaft in Bezug zum Konzept des Kosmopolitischen gesetzt. Drittens sollen praktische Implikationen einer kosmopolitisch verstandenen Musikwissenschaft formuliert und mögliche inhaltliche Konsequenzen für den deutschsprachigen Raum diskutiert werden.
Der Vortrag versteht sich als ein nach Entwicklungsimpulsen fragender Beitrag zur Reflexion über eine traditionsreiche Fachdisziplin, welche sich in Zeiten einer medial vernetzten, pluralisierten Gesellschaft noch weitgehend in nationalen Verbänden (GfM, ÖGMw, SMG, AMS…) organisiert. Außerdem will die Betrachtung des Konzepts einer „deutschsprachigen Musikwissenschaft“ vor dem Hintergrund einer Theorie des Kosmopolitismus zur Kommunikation zwischen Musikwissenschaftlern verschiedener Qualifikationsstufen im Blick auf fachliche Organisation, internationalen Austausch und Wettbewerbsfähigkeit im europäischen sowie transatlantischen Wissenschaftsraum anregen.

Panel III: Denkstrukturen und Wissenskonzepte

Jens Loenhoff (Essen), Implizites Wissen, gelingende Praktiken und die Gegenstände der Erkenntnis

Die in epistemologischen Diskursen verhandelten Konzeptionen des Wissens werden primär durch die Idee propositionalen Wissens dominiert. Dies galt bisher auch für weite Teile der Soziologie und selbst der Wissenssoziologie. Im Unterschied dazu positioniert sich der Begriff impliziten Wissens kritisch gegenüber rationalistischen, intellektualistischen und individualistischen Sozial- und Handlungstheorien und versucht zu plausibilisieren, inwiefern es sich bei einem praktischen Können um eine Form des Wissens handelt. Das Konzept impliziten Wissens beansprucht mithin, Probleme der Handlungskoordination und symbolischer Praktiken besser verstehen zu können, weil er auf die fundamentalen Ebenen dieser Koordination Bezug nimmt, die jenseits von Zwecken und Plänen der Akteure liegen. Die zentrale Behauptung besteht darin, dass die Anschlussfähigkeit des Handelns, die praktische Intersubjektivität und die Fähigkeit zur situativ adäquaten Erwartung von Erwartungen eine praktische, nicht bewusstseinspflichtige Fertigkeit darstellt, die schon vor allen überlegten Entscheidungen und zweckrationalen Motiven ausgeprägt ist

Andreas Dohmann (Köln), Analogiedenken in der Musikwissenschaft. Zu den politischen Voraussetzungen eines hermeneutischen Paradigmas

Analoges Denken, das von strukturellen Entsprechungen zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen ausgeht, liefert im 19. wie 20. Jahrhundert ein verbreitetes Modell musikwissenschaftlichen Verstehens, mit dem ein Werk mit Blick auf die politisch-gesellschaftliche Realität ausgelegt werden kann, da es diese abbildet oder widerspiegelt.
Doch die Beliebtheit dieses Denkmodells leitet sich nicht allein aus seiner – tatsächlichen oder bloß angenommenen – Erklärungskraft ab. Es scheint sich im besonderen Maße Formen des Musikverstehens verfügbar zu machen, die von politischen Prämissen ausgehen oder auf einem ideologischen Fundament stehen. Der Vorteil dieses Modells, Musik soziokulturell auslegen zu können, geht so mit der Anfälligkeit einher, für politische oder zunächst „außermusikalische“ Interessen in die Pflicht genommen zu werden: Diese können staatspolitische Direktiven wie Teile von Machtkonstellationen auf institutioneller Ebene sein oder können Ausdruck politischer Ideen oder akademischer Diskursmächte sein. Die musikwissenschaftliche Wissensproduktion findet damit nicht allein in einer hermetisch isolierten Sphäre der Erkenntnissuche statt, sondern ist durch und durch von materiellen Voraussetzung und menschlicher Lebenspraxis abhängig. Der Beitrag will die Mechanismen dieser Wissensproduktion freilegen und hierzu ein Blick auf die Geschichte dieses Denkmodells insbesondere im späteren 20. Jahrhundert werfen.

Franziska Hohl (München), Wissenshybride zwischen Form und Fantasie. Die Materialität der sprachlichen Performanz am Beispiel der musikalischen Improvisation

Forschung ist stets mit der Kontingenz von Wissensbeständen konfrontiert. Sie kann sich weder auf scheinbar objektive noch auf willkürliche Aussagemechanismen stützen und sieht sich damit vielmehr gezwungen, die Genese von wissensförmigen Sätzen als soziale Praxis zu reflektieren. In dieser Praxis äußert sich eine Sprech- und Denkkultur in Form sprachlicher Performanz, die Wissen erst hervorbringt. Über die sprachliche Abhandlung entstehen Materialitäten des Versprachlichten, die sich autonom und aktiv einmischen – zugleich lassen sich auch die Versprachlichung selbst sowie die Reflexion der Versprachlichung durch den Wissenschaftler als solche Materialitäten beschreiben.
Am Beispiel der Versprachlichung musikalischer Improvisation möchte ich dieses Spiel gerne verdeutlichen. Das Material meiner Ausführungen speist sich dabei aus schriftlichen Beiträgen von sowie Interviews mit Musikern, Musikwissenschaftlern, Musikpädagogen und Musikjournalisten zur musikalischen Improvisation. Diese changiert zwischen Kalkulation und Spontanität, zwischen Fixiertheit und Flüchtigkeit, zwischen Zwang und Freiheit.
In Anlehnung an Bruno Latour lässt sich dabei zeigen, dass die sprachliche Abhandlung von Gegenstandsbereichen wie der musikalischen Improvisation niemals als Objektivation eines passiven Fundus bestehen, über den Menschen einfach verfügen. Sowohl menschliche als auch nicht-menschliche Akteure, wie beispielsweise musikalisches Material, Instrumente, musikalisches Bewusstsein, Ansprüche und eben die Rede davon, sind vielmehr Bestandteile eines netzartigen Wissenshybrids. Somit kommt es zu  ständigen Verschiebungen und Modifikationen durch die ineinandergreifenden Netzwerke, die sich in gleitender Verwobenheit gegenseitig (re-)produzieren, ohne dabei eindeutige bzw. kausale Zurechenbarkeiten zuzulassen.

Karina Seefeldt (Hannover), Zwischen Schein und Sein – Interdisziplinarität als wissenschaftlicher Ansatz?

Am Beispiel der musikwissenschaftlichen Genderforschung soll die Konstruktion der Interdisziplinarität näher untersucht werden. Hierbei spielen Themen wie Tradition und Innovation, strukturelle Zwänge des eigenen Faches oder das „pushing boundaries“ früher feministischer Debatten, doxographische Diskurse sowie die Untersuchung von Übersetzungs- und Vermittlungsangeboten zwischen den jeweiligen Disziplinen eine Rolle. Interdisziplinarität löst Legitimationsfragen aus. So werden beispielsweise Fragen nach disziplinären Grenzen, nach den je eigenen Forschungsparadigmata, virulent, sobald sich ein Forscher oder eine Forscherin zwischen den Welten bewegt. Interdisziplinarität wird gleichzeitig auch als Lösung disziplinärer Legitimationsfragen verstanden. Verschiedene Krisendebatten der vergangenen Jahre sind Zeugen dieser beiden Mechanismen. Im Lichte der Hochschulreformen wird das »Plastikwort« Interdisziplinarität außerdem zunehmend als Aushängeschild und Werbung für gute Forschung verwendet. In diesem breiten Spannungsfeld rücken die kritischen und kreativen Potenziale interdisziplinärer Forschung erneut in den Vordergrund: Welche Probleme bereitet das Grenzgängertum, welche Möglichkeitsräume eröffnet es (auch über das bloße Nachdenken über den eigenen Tellerrand hinaus)? Wie viel „inter“ steckt tatsächlich hinter dem „inter“? Zusammengefasst: Welche erkenntnistheoretischen Aufschlüsse bietet eine Auseinandersetzung mit Interdisziplinarität in der musikwissenschaftlichen Genderforschung über spezifische Forschungsstrukturen in der Musikwissenschaft?

Panel IV: Öffentlichkeiten und Medien

Kristina Richts (Detmold), Musikwissenschaft im digital turn?

Der sogenannte „digitale Wandel“ macht auch vor der Musikwissenschaft nicht halt. Neue Herangehensweisen und Forschungsansätze werden benötigt, um den Anschluss des Faches an die digitalen Entwicklungen nicht zu gefährden. Die aktuellen Diskussionen im Hinblick auf künftige Publikationsformen via Open Access oder auch die Frage nach einem veränderten Rollenverhältnis zwischen Wissenschaft und Bibliotheken im Hinblick etwa auf die langfristig noch nicht geklärte Speicherung von Forschungsdaten zeigen einen akuten Handlungsbedarf.
Das Musikwissenschaftliche Seminar der Universität Paderborn und der Hochschule für Musik Detmold zählt zu den ersten Einrichtungen in Deutschland, die sich aktiv mit der Erarbeitung digitaler Arbeitswerkzeuge für die Musikwissenschaft befassen. Basierend auf der Ar-beit an der unter dem Namen „Edirom“ bekannten Software, ist sie im Hinblick auf die Ent-wicklung des internationalen Datenstandards der Music Encoding Initiative (MEI) mittlerweile weltweit zu einer der federführenden Institutionen geworden. Der vom Musikwissen-schaftlichen Seminar maßgeblich mitentwickelte MEI-Standard bietet nicht nur im Hinblick auf musikeditorische Fragestellungen vielversprechende Möglichkeiten (vgl. etwa das von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz geförderte Langzeitprojekt „Beethovens Werkstatt“), sondern beinhaltet auch die für die langfristig zwingend erforderliche engere Zusammenarbeit zwischen Forschungsinstitutionen und Bibliotheken erforderlichen Anknüpfungspunkte. Seit September 2014 wird im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts zum Detmolder Hoftheater an einem  auf den Standards der Music Encoding Initiative und der Text Encoding Initiative basierenden Modell gearbeitet, das genau dieses bislang vorherrschende Desiderat auf einer ersten Entwick-lungsstufe adressiert.
Anhand einiger exemplarischer Einblicke in die Detmolder Projekte wird der Vortrag aktuelle Entwicklungen im Bereich der digitalen Musikwissenschaft aufzeigen und sich davon ausge-hend mit der Frage beschäftigen, inwiefern sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Musik im Allgemeinen und damit auch die Denkstrukturen der aktiven Musikwissenschaftler durch den Einsatz digitaler Forschungsmethoden und -instrumente verändern können.

Elisabeth Treydte (Wien/Frankfurt am Main), Schreiben über Komponist_innen – ein geschlechterforschende Rekonstruktion des Diskurses in der Neuen Zeitschrift für Musik

Das Schreiben und Sprechen über Komponisten und Komponistinnen nimmt in musikwissenschaftlichen und -journalistischen Zusammenhängen gleichermaßen großen Raum ein. Seit langem tradierte Textstrukturen geben insbesondere in Porträts über Komponist_innen den Rahmen der Diskurse vor und tragen damit bspw. zur Mythenbildung über die „Meister der Musik“ bei. Am Beispiel der Neuen Zeitschrift für Musik wird im Vortrag aufgezeigt werden, wie solche diskursiven Strukturen in Komponist_innen-Porträts der vergangenen dreißig Jahren wirken und welche Art der Wissensproduktion sie damit stützen. In geschlechterforschender Perspektive wird gefragt, ob unterschiedliche Sichtweisen auf Komponistinnen und Komponisten verhandelt werden und inwiefern die Strukturkategorie Geschlecht das Schreiben und Sprechen über Komponist_innen strukturiert. So lässt sich bspw. zeigen, dass männliche Komponisten als inspirierte Schöpfer konstruiert werden, ein solcher Status komponierenden Frauen aber nicht zugeschrieben wird. Die Ergebnisse dieser sozialwissenschaftlich ausgerichteten Analyse beleuchten damit die grundlegende Frage, ob komponierende Frauen auch im heutigen Musik(wissenschafts)diskurs marginalisiert werden.

Jan Hemming (Kassel), Zwischen Strohfeuer und Nachhaltigkeit. Ein nicht nur persönlicher Erfahrungsbericht zur Medienpräsenz

Um mit Musikwissenschaft in die Medien zu gelangen, muss man erst einmal etwas zu sagen haben. Und zwar etwas, das nicht nur die eigenen Kolleginnen und Kollegen, sondern auch die Menschen ‚da draußen‘ interessiert. Dazu muss man sich nicht besonders populären oder gängigen Themen zuwenden, es erfordert aber eine klare Unterscheidung zwischen peer-to-peer und peer-to-public-Kommunikation. Allzu oft begnügt sich Musikwissenschaft mit Ersterem und bezeichnet Medienpräsenz abfällig als Strohfeuer, auf das man gerne verzichten könne. Letzteres hingegen beinhaltet ein eigenes Regelwerk aus Zugangsbeschränkungen (über reine Fachtagungen oder Neuerscheinungen wird in der Regel nicht berichtet), sprachlichen Anforderungen sowie wechselseitiger Verbindlichkeit, welches oft nur durch leidvolle Erfahrungen erlernt wird. Seit meinen frühen Tagen als Doktorand bin ich mit verschiedenen musikwissenschaftlichen Themen regelmäßig in den Medien präsent und spare dabei auch das Boulevard-Niveau (Bild-Zeitung, Stern-TV usw.) nicht aus. Immer treibt mich dabei der Gedanke „es könnte ja sein, dass ich einmal wirklich etwas wichtiges herausfinde, und dann möchte ich die Mechanismen der Medien nachhaltig nutzen können“. In diesem Beitrag werde ich meine diesbezüglichen Erfahrungen – und die einige meiner Kolleginnen und Kollegen – in lehrreicher bis unterhaltsamer Weise mit ihnen teilen. Meine Mindestanforderung an die Medien – nachzulesen auf meiner Homepage – lautet übrigens, dass in der „Berichterstattung die Universität Kassel sowie das Fach Musikwissenschaft wohlwollend erwähnt werden“. Solchermaßen verbindet sich der Vortrag mit fachpolitischen Dimensionen, etwa der Frage nach einer ‚relevanten Musikwissenschaft‘: Welche Rolle kann bzw. wird die Disziplin spielen, wenn sie sich endgültig von der vorherrschenden Praxis wechselseitiger Selbstbestätigung (peer-to-peer) bürgerlicher Werte verabschiedet hat?

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